ENTWURFSKRITERIEN
FÜR GESTALTUNG + AUSSTATTUNG

GRUNDRISS: ÜBERSICHTLICHKEIT

Die Anordnung von Räumen innerhalb der Station sowie im gesamten Bereich der Psychiatrie ist so zu wählen, dass möglichst übersichtliche Grundrissstrukturen entstehen und verwinkelte und uneinsichtige Bereiche vermieden werden. Diese dienen der einfachen Sichtkontrolle der Räume durch das Personal, beispielsweise im Sinne der Suizidprävention, und ebenso der Orientierung von Patienten und Besuchern.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Kapitel „Grundlagen: Störungen der Umweltwahrnehmung“

GRUNDRISS: FLEXIBILITÄT VON STATIONEN

Aus organisatorischen und funktionalen Gründen kann es vorteilhaft sein, die Stationen so zu gestalten, dass sie teilbar sind. Auf diese Weise können beispielsweise unruhige Patienten versorgt werden, ohne die gesamte Station zu stören. Geschlossene Bereiche können so in Ihrer Größe variiert werden. Grundvoraussetzungen für die Teilbarkeit sind eine zentrale Lage des Stützpunktes sowie getrennte Aufenthaltsbereiche.

Mit flexibel zuschaltbaren Raumgruppen (beispielsweise drei Patientenzimmer, zwischen zwei Stationen angeordnet) kann man baulich auf die wechselnden Anforderungen an die Stationsgrößen aufgrund der Belegung reagieren.

Die Zusammenschaltbarkeit zweier Stationen im Nachtbetrieb kann zur Schonung personeller Ressourcen beitragen.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“

GRUNDRISS: RAUMDIMENSIONIERUNG

Die Psychiatrie benötigt aufgrund der fehlenden Bettgebundenheit, der langen Aufenthaltsdauer, des potentiell geschlossenen Behandlungssettings sowie des erhöhten Aggressionspotentials im Vergleich zu somatischen Häusern ein erweitertes Raumangebot. Die Räume der Stationen müssen ausreichend dimensioniert sein. Ziel ist es, eine Entkopplung der Aktivitäten auf der Station (z. B. Fernsehen und Lesen) zu ermöglichen. Insbesondere in geschlossenen Bereichen muss durch eine entsprechende Raumdimensionierung das Gefühl von Enge (Beengungsstress) vermieden werden. Durch eine offene Grundrissgestaltung können großzügige Räume erzeugt und die Überschaubarkeit der Station unterstützt werden.

THEAPEUTISCHE UMWELT

Die psychiatrische Therapie zielt u. a. auf das Wiedererlernen alltäglicher und sozialer Kompetenzen, um den Patienten in ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zurück zu führen. Im Sinne einer therapeutischen Umwelt ist daher eine klassische Krankenhausatmosphäre (passive Rolle der Patienten, Sterilität) weder erforderlich noch dem Behandlungserfolg zuträglich. Anders als in somatischen, also eher pflegend orientierten Disziplinen muss die Aktivität und Selbstständigkeit der Patienten unterstützt werden.

Die Normalität in der Gestaltung soll einerseits den Wohncharakter der stationären Bereiche unterstreichen (wohnliche Möblierung, ansprechende farbliche Gestaltung) und andererseits die bauliche Suizidprävention unterstützen (Hinweisreize auf bestimmte Suizidmethoden durch auffällige Sicherheitsmaßnahmen vermeiden). Die Unabhängigkeit der psychiatrischen Versorgung von der Medizintechnik begünstigt eine wohnliche Gestaltung der Patientenzimmer.

Eine Ausnahme kann die psychiatrische Akutversorgung bilden, bei der strengere Sicherheitsaspekte und/oder Reizabschirmung im Vordergrund stehen können.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Kapitel „Grundlagen: Wohnbedürfnisse“
>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Naspro (2012)
>> Glasow (2011)

HELLE RÄUME, INDIVIDUELLE LICHTPLANUNG

Der Einfluss von Tageslicht auf das Wohlbefinden und den Genesungsprozess psychiatrischer Patienten ist sehr groß. Eine spezielle Lichttherapie findet beispielsweise bei der Behandlung depressiver Erkrankungen Anwendung. In Expertenkreisen besteht Einigkeit darüber, dass ausreichend Tageslicht zudem eines der wichtigsten Kriterien zur Schaffung eines antisuizidalen Milieus ist.

Durch eine geschickte Tageslichtplanung sollen daher möglichst lichtdurchflutete, freundliche Räumlichkeiten erzeugt werden, in denen die Tages- und Jahreszeiten gut erlebt werden können. Dies kann auch die Orientierung (z. B. dementiell Erkrankter) unterstützen.

Die Ausstattung mit künstlichen Lichtquellen soll, im Sinne der Wohnlichkeit und der Anpassung an die individuellen Bedürfnisse und Stimmungen, sehr vielfältig sein. Die Bandbreite kann von heller Ausleuchtung, beispielsweise für Therapiezwecke, bis hin zum gedimmten Raumlicht, z. B. für Entspannungsübungen, reichen.

>> Kapitel „Grundlagen: Einfluss von Tageslicht“
>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Schädle-Deininger (2006)
>> Glasow (2011)

VERMEIDUNG VON UMWELTSTRESS

Die Basis zur Schaffung einer therapeutischen Umwelt stellt die Abschirmung von Stresseinwirkungen dar, welche sich sowohl auf Patienten, Besucher als auch das Personal negativ auswirken können. Umweltstress kann laut Ulrich (1990) beispielsweise ausgelöst werden durch Lärm, Gerüche oder auch verschiedene Schadstoffe.

Akustische Maßnahmen sollten insbesondere in Patientenzimmern (Gewährleistung eines ruhigen Schlafes) und Gruppenräumen (z. B. Vermeidung unangenehmer Geräuschkulissen in Speisesälen) angedacht werden. Eine funktionale Planung der Abläufe innerhalb der Gebäude (z. B. Weg nächtlicher Neuzugänge auf der Station) kann ebenso helfen, Ruhestörungen zu vermeiden.

Olfaktorische Stressoren spielen in der Psychiatrie u. a. durch Lüftungsprobleme oder auch verwendete Desinfektionsmittel oft eine große Rolle. Geruchsabsorbierende Elemente (z. B. Wandfarben, Textilien) können den Abbau olfaktorischer Belastungen unterstützen.

Möglichkeiten der positiven Ablenkung, beispielsweise durch Betrachtung von Natur oder emotionale Unterstützung durch Besuch von Angehörigen, können Stressgefühle abbauen.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Kruse et al. (1990)
>> Glasow (2011)
>> Ulrich (1991)

UMWELTKONTROLLE BIETEN

Das Gefühl von Kontrollverlust im institutionellen Umfeld kann zu einer emotionalen Belastung (Stresssituation) führen und dem Genesungsprozess hinderlich sind. Eine Möglichkeit zur Erhöhung der Umweltkontrolle der Patienten bietet ihre Aktivierung durch ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit, im baulichen Sinne beispielsweise durch die individuelle Regulierbarkeit der Raumtemperatur, des Sonnenschutzes oder der Beleuchtung.

Die Kontrolle über die Umweltbedingungen kann ebenso über verschiedene Möblierungs- und Aneignungsmöglichkeiten (bettenzugeordnete Regale, Magnetwände, mobile Raumteiler) erhöht werden.

Ein zugänglicher Patientengarten oder eine Terrasse erhöhen die Umweltkontrolle, indem der Patient zwischen einen Aufenthaltsort im Innen- bzw. Außenraum wählen kann.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Flade (2008)

BETRACHTUNG VON NATUR

Studien haben gezeigt, dass sich allein der Ausblick auf eine Baumgruppe positiv auf den Genesungsprozess auswirkt. Es sind daher Möglichkeiten zum Betrachten von Natur, beispielsweise durch Blickbeziehungen in den Garten oder auch das Platzieren von Bildern mit Naturmotiven, zu empfehlen. Die Ausstattung mit Zimmerpflanzen kann ebenso das Wohlbefinden der Nutzer fördern. Neben dem atmosphärischen Mehrwert können sie die Raumluftqualität verbessern. Die Pflege der Pflanzen kann in therapeutische Maßnahmen einbezogen werden.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Ulrich (1991)

ANGEBOTE UND ATTRAKTIVITÄT

Durch die fehlende Bettgebundenheit der Patienten und die lange Aufenthaltsdauer in psychiatrischen Einrichtungen kommt der Gestaltung der Aufenthaltsbereiche eine große Bedeutung zu. Insbesondere in geschlossenen Bereichen sollen abwechslungsreiche und zeitgemäße Angebote gemacht werden. Neben den obligatorischen Speise- und Fernsehräumen sind z. B. Internetarbeitsplätze oder Leseecken denkbar.

Auch stationsübergreifende, zentrale Gemeinschaftsbereiche, wie Veranstaltungsräume oder Cafés, können den Klinikalltag bereichern und auch für Besucher attraktive Anziehungspunkte darstellen. Diese können auch als Beitrag zum Abbau der Stigmatisierung psychisch Kranker betrachtet werden.

>> Kapitel „Grundlagen: Stigmatisierung“
>> Glasow (2011)

BAULICHER ZUSTAND UND
QUALITÄT DER AUSSTATTUNG

Die Hochwertigkeit der Ausstattung unterstreicht die Wertschätzung der Patienten. Die resultierende, positive Einstellung der Behandelten gegenüber der Einrichtung kann sich positiv auf den Therapieverlauf auswirken. Als Nebeneffekt der hohen Qualität in der Ausstattung sowie des guten baulichen Zustandes sind weniger Vandalismusschäden zu erwarten.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Kapitel „Grundlagen: Gewalt und Aggressivität“
>> Kruse, Graumann, Lantermann (1990)

SUIZIDPRÄVENTION

Beide Geschlechter und alle Altersgruppen psychiatrischer Patienten sind bei der baulichen Suizidprävention zu berücksichtigen. Suizide treten sowohl in offenen als auch geschlossen Bereichen auf, so dass sich aus baulicher Sicht keine Schwerpunkte setzen lassen. Entweichungshemmende Maßnahmen dienen ebenfalls der Suizidprävention.

In Nachbargebäuden psychiatrischer Einrichtungen stellen die Vermeidung zugänglicher Rückzugsbereiche mit wenig Publikumsverkehr sowie eine punktuelle Sprungsicherung exponierter Räume sinnvolle suizidpräventive Maßnahmen dar. Temporäre Einrichtungen wie Baustellen sind zwingend in die suizidpräventive Gestaltung einzubeziehen.

Potentielle Suizidhotspots, wie beispielsweise frei zugängliche Hochhäuser, Bahngleise oder hohe Brücken, in fußläufiger Entfernung zu psychiatrischen Einrichtungen können das Suizidrisiko der Patienten erhöhen und sind daher möglichst zu vermeiden (Standortwahl) oder entsprechend zu sichern.

Suizide werden im gesamten Gebäude der Psychiatrie, vor allem jedoch auf den Stationen, verübt. Patientenzimmer, inklusive der Überwachungsräume, und Nassbereiche, gleichermaßen dezentral wie zentral, stellen mit großem Abstand die am häufigsten genutzten Räume dar, so dass deren Gestaltung in der baulichen Suizidprävention eine besondere Bedeutung zukommt.

Die häufigsten Suizidmethoden sind Erhängen, Strangulation (ca. 60 %), Sturz in die Tiefe (ca. 17 %) und Selbstvergiftung (ca. 9 %). Seltener treten Suizide durch scharfen Gegenstand (ca. 7 %), Suizide durch Ersticken (ca. 4 %), Suizide durch Feuer (ca. 2 %) und Suizide durch Ertrinken (ca. 1 %) auf.

In Bereichen mit einem starken Rückzugscharakter (z. B. WC) muss sich die Suizidprävention auf alle Methoden konzentrieren. In eher öffentlichen Bereichen (z. B. Stützpunkt) liegt der Schwerpunkt auf der Prävention schneller Methoden (z. B. Sturz in die Tiefe).

Befestigungsmöglichkeiten für Strangulationsgurte (ab einer Höhe von 50 cm über dem Boden) und Raumelemente, welche als Strangulationsgurt verwendet werden könnten, sind möglichst zu vermeiden. Befestigungspunkte unter Kopfhöhe dürfen auch einem winkligen Lasteintrag nicht standhalten. Können Befestigungspunkte nicht vermieden werden, sind sie in ihrer Belastung auf 20 kg zu begrenzen (Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention).

Potentielle Möglichkeiten zum Sturz in die Tiefe, vor allem ungesicherte Fenster, Treppen, Terrassen und Balkone, sind zu vermeiden. Temporäre Einrichtungen dürfen in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden.

Der Zugang der Patienten zu Medikamentenlagern sowie potentiell toxischen Substanzen, Materialien und Pflanzen sowie scharfen oder zu scharfen Stücken zerbrechende Raumelemente oder Einrichtungsgegenstände ist zu vermeiden.

>> Ausführungsvariante „Möbelgriffe“
>> Ausführungsvariante „Schränke“
>> Ausführungsvariante „Weitere Strangulationsvermeidung“
>> Ausführungsvariante „Hotspots vermeiden“
>> Glasow (2011)
>> Naspro (2012)

PATIENTENZIMMER: TERRITORIEN ABGRENZEN

Die territorialen Bedingungen haben Einfluss auf das Wohlbefinden und den Genesungsprozess des Menschen. Unklare territoriale und soziale Verhältnisse können außerdem zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Aggressionen führen. Das primäre Territorium eines Patienten zentriert sich um sein Bett im Patientenzimmer.

Aufgabe der Architektur ist es, jedem Bettplatz eines Patientenzimmers ein eindeutiges Territorium zuzuordnen. Wichtig ist dabei, dass sich Verkehrsflächen des Raumes und die persönlichen Territorien nicht überlagern. In Mehrbettzimmern ist eine eindeutige Zuordnung der Schränke und Nachttische zu den Betten obligatorisch. Die Grenzen der Territorien können durch verschiedene Mittel markiert werden. Auf diese Weise wird erreicht, dass Personal, andere Patienten oder Besucher nicht ungewollt in fremde Territorien eindringen und die Hoheit des Patienten in diesem Bereich respektiert wird.

Da im psychiatrischen Bereich seltener pflegerische Leistungen im klassischen Sinne erbracht werden müssen, kann überwiegend kann auf eine permanente Pflegebettstellung (freie Zugänglichkeit des Bettes von beiden Längs- und einer Stirnseite) verzichtet werden. Dadurch wird die Bildung eines Territoriums erleichtert. Eine Ausnahme können hier gerontopsychiatrische Stationen, Suchtbereiche und Akuträume (ggfs. Fixierungsmöglichkeiten erforderlich) darstellen.

>> Kapitel „Grundlagen: Wohnbedürfnisse“
>> Kapitel „Grundlagen: Gewalt und Aggressivität“
>> Ausführungsvariante „Territorien am Bettplatz“
>> Dieckmann et al. (1998)
>> Blumenberg (1994)
>> Richter (2009)

PATIENTENZIMMER: ANEIGNUNG ERMÖGLICHEN

Der Prozess der Aneignung von Territorien durch individuelle Gestaltung oder das Platzieren persönlicher Gegenstände ist durch bauliche Maßnahmen zu unterstützen. Je mehr Patienten ihr Territorium entsprechend ihrer Bedürfnisse verändern und personalisieren können, desto stärker ist ihre Verbundenheit mit dem Ort. Dies kann das Wohlbefinden, die Einstellung gegenüber der Einrichtung und der Therapie positiv beeinflussen und Vandalismus entgegen wirken.

>> Kapitel „Grundlagen: Wohnbedürfnisse“
>> Ausführungsvariante „Aneignung ermöglichen“
>> Kruse, Graumann, Lantermann (1990)