ENTWURFSKRITERIEN
FÜR FENSTER + FASSADE

PRÄVENTION VON
ENTWEICHUNGEN UND SPRUNGSUIZIDEN

Die Sicherung der Fenster gegen Entweichungen gehört zu den wesentlichen baulichen Besonderheiten psychiatrischer Einrichtungen. Eine Befragung von 104 psychiatrischen Kliniken, darunter auch konsequent offen geführte Häuser, zeigte, dass die Fenster in allen Fällen gesichert waren (Glasow 2011). Die Sicherung dient in erster Linie dem Entweichungsschutz und der Aufenthaltskontrolle über die Patienten.

Darüber hinaus können durch Fenstersicherungen Suizide durch Fenstersturz vermieden werden. In der Regel empfiehlt es sich, in allen Klinikbereichen eine Fenstersicherung vorzusehen, da Entweichungen und Sprungsuizide weder in offen geführten Bereichen (Hier erfolgen nach Glasow 2011, S. 98 rund 64 % der Kliniksuizide psychiatrischer Einrichtungen.) noch durch die Präsenz von Personal (z. B. im Pflegestützpunkt oder in Arzträumen) auszuschließen sind. Der Sturz in die Tiefe ist mit einem Anteil von 17 % die zweithäufigste Suizidmethode in psychiatrischen Einrichtungen (Glasow 2011, S.124).

Bereits minimale bauliche Veränderungen wie das Einbringen einer Querstange in die Fensterlaibung kann große Effekte auf die Suizidrate haben (Mohl et al. 2011).

Die Fensterkonstruktion sollte im Sinne einer therapeutischen Umwelt so unauffällig und „normal“ wie möglich gestaltet sein, um die Provokation von Suiziden und Aggressionen durch das Setzen von Hinweisreizen zu vermeiden.

>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Glasow (2011)
>> Mohl et al. (2011)

PRÄVENTION VON
STRANGULATION UND SELBSTVERLETZUNG

Die Fensterkonstruktion ist so zu gestalten, dass sich Patienten daran nicht verletzten bzw. suizidieren können. Scharfe Kanten sind zu vermeiden, bruchsicheres Glas ist zu empfehlen. Im Sinne der Suizidprävention sind Strangulationsmöglichkeiten, beispielsweise an der Fensterangel oder dem Griff (konische Form, so dass potentielle Strangulationsgurte abrutschen), zu vermeiden. Dichtungsbänder müssen verdeckt eingebaut sein bzw. Sollbruchstellen enthalten, so dass diese nicht als Strangulationsgurt benutzt werden können. Additive Elemente zur Fenstersicherung sind ebenfalls auf Strangulationsmöglichkeiten zu überprüfen.

>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Ausführungsvariante „Fenstergriffe“
>> Glasow (2011)

MAXIMALES ÖFFNUNGSMASS

Bei allen Fenstern, die dem Entweichungsschutz dienen, darf eine lichte Öffnungsweite von 12 cm nicht überschritten werden. Das Maß ist u. a. in der DIN EN 1627 zum Thema einbruchhemmende Gitter (Durchstiegsöffnung) verankert und ergibt sich aus der Größe eines Kindskopfes. Es ist anzunehmen, dass in der Erwachsenenpsychiatrie auch größere Öffnungsweiten möglich wären. Dazu liegen jedoch keine anthropologischen Daten vor. Aus Sicherheitsgründen muss daher diese Maß Anwendung finden.

>> DIN EN 1627

FRISCHLUFTZUFUHR, LÜFTUNG

Die Qualität der Raumluft hat wesentlichen Einfluss auf die Atmosphäre in der Einrichtung und das Wohlbefinden der Nutzer. Auch im Hinblick auf Hygiene und Gebäudeschutz spielt die Lüftung eine wichtige Rolle. Ein besonderes Qualitätsmerkmal scheint dabei die Erlebbarkeit der zuströmenden Frischluft zu sein.

Oft steht die Lüftung jedoch im Widerspruch zu einer Fenstersicherung. In einer überschläglichen Berechnung ermittelte Glasow 2011 einen erforderlichen freien Lüftungsquerschnitt von 3000 cm² pro Patientenzimmer (maximale Größe 30 qm, Belegung mit 2 Personen, angenommene Lüftungszeit 2h/d). Dabei ist jedoch zu beachten, dass die freie Lüftung u. a. auf einem Druckunterschied zwischen Innen- und Außenraum basiert, der wiederum durch entsprechende Temperaturunterschiede hervorgerufen wird. Demzufolge treten bei sommerlichen Außentemperaturen massive Lüftungsprobleme auf. Es empfiehlt sich daher die Unterstützung durch mechanische Lüftung. In der einfachsten Variante kann dafür die Abluftanlage in den Nasszellen höher ausgelegt werden, so dass permanent Frischluft über die Fenster nachströmt. Beim Einbau von Lüftungsklappen (Außenluftdurchlasselemente ALDE) nach DIN 1946-6 zur Realisierung der Grundlüftung können Probleme mit Akustik und Zugluft auftreten. Dies ist insbesondere in Patientenzimmern zwingend zu vermeiden.

Grundsätzlich empfiehlt sich eine personalunabhängige Lüftungsmöglichkeit, die auch Spitzenlasten ausgleichen kann. Derzeit übliche Konstruktionen, bei denen das Personal die Fenster zum Lüften aufschließen muss, sind aus Gründen der Effektivität (enormer Zeitaufwand, Abschließen des Raumes notwendig) und Sicherheit (weites Öffnen bietet Sprungmöglichkeit) nachteilig.

>> Kapitel „Technische Gebäudeausrüstung“
>> Glasow (2011)
>> DIN 1946-6

STIGMATISIERUNG

Das äußere Erscheinungsbild einer Einrichtung beeinflusst entscheidend die Wirkung der Psychiatrie auf die Bevölkerung und ebenso auf das vom Patienten erwartete Milieu. Eine offene, freundliche Ausstrahlung der Gebäude kann zum Abbau von Vorurteilen und Stigmatisierung beitragen und helfen, die Angst vor einem Aufenthalt zu mindern. Auffällige Fensterkonstruktionen, die den Sicherheitsaspekt optisch in den Vordergrund stellen, sollten daher vermieden werden.

>> Kapitel „Grundlagen: Stigmatisierung“
>> Glasow (2011)

THERAPEUTISCHE UMWELT:
SELBSTBESTIMMTHEIT, BEZUG ZUM AUSSENRAUM

Die Schaffung einer therapeutischen Umwelt im psychiatrischen Kontext zielt auf eine Aktivierung und Selbständigkeit der Patienten. Einerseits müssen klassische Hospitalisierungseffekte, die durch die Passivität und das Ausgeliefertsein gegenüber den UmweltbedingungenDer Bezug zum Außenraum hat für den Genesungsprozess eine große Bedeutung. Ulrich verglich bereits 1984 Patienten mit Ausblick auf eine Baumgruppe bzw. auf eine Mauerwerksfassade. Dabei stellte er signifikante Unterschiede im Medikamentenverbrauch und der Aufenthaltsdauer fest. Auch in späteren Arbeiten wies er immer wieder auf die positiven Effekte der Betrachtung von Natur auf den Genesungsprozess hin. In psychiatrischen Einrichtungen ist darauf zu achten, dass derBezug nach außen nicht durch die Fenstersicherung beeinträchtigt wird. Die optische, akustische, olfaktorische (z. B. Blütenduft) und haptische (z. B. Schnee, Wind) Wahrnehmung fördern das Wohlbefinden und kann ebenso die zeitliche Orientierung unterstützen (Tages- und Jahreszeiten).

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Glasow (2011)
>> Ulrich (1984)

STABILITÄT UND VANDALISMUSSCHUTZ

Die Manipulation der Fensterkonstruktion und Vandalismus durch Patienten stellen häufige Probleme in psychiatrischen Einrichtungen dar und sollten daher durch eine geeignete Konstruktion möglichst ausgeschlossen werden. Es empfehlen sich verdeckte Konstruktionen (keine Demontage durch Patienten, z. B. Glashalteleisten), eine Minimierung aller Konstruktionsfugen (Ansetzmöglichkeiten von Hebelarmen vermeiden) und der Einsatz robuster Oberflächen und Materialien (z. B. bruchsicheres Glas). Fenster mit langen Hebelarmen (z. B. hohe Kippfenster) sind weniger geeignet. Schlüsselkanäle sollen nicht durch Fremdkörper (z. B.Kaugummi) verunreinigt werden können. Durch fugenlose Konstruktionen kann ebenfalls das Deponieren von Medikamenten oder Rauschmitteln verhindert werden. Die Anforderungen an die Fensterkonstruktion bezüglich Stabilität und Vandalismusschutz werden von den Einrichtungen sehr unterschiedlich formuliert. Der Verband für Sicherheitstechnik e. V. (VfS) hat in seinem Richtlinienentwurf alle Aspekte umfassend beschrieben und bezieht sich dabei u. a. auch auf den forensischen Bereich.

>> VfS (2011)

PENDELSCHUTZ

Im Maßregelvollzug (Forensische Psychiatrie) kann, ähnlich wie im Justizvollzug, der Transport von Waren (z. B. Drogen, Waffen) durch das Zupendeln von Fenster zu Fenster über die Fassade problematisch sein. Dadurch kann ein sogenannter Pendelschutz in der Fensterkonstruktion erforderlich werden. Dieser besteht in der Regel aus einem in den Blendrahmen eingebrachten Lochblech, das vom Patienten nicht durchgriffen werden kann. Der Verband für Sicherheitstechnik empfiehlt eine maximale Lochgröße von 5 mm und einen Lochabstand von 10 mm.

>> Ausführungsvariante „Sicherung durch Pendelschutz im Blendrahmen“
>> VfS (2011)

WARTUNG UND REINIGUNG

Bei der Fensterkonstruktion dürfen die entstehenden Folgekosten für Reinigung und Wartung der Fenster nicht außer Acht gelassen werden. Insbesondere in oberen Geschossen haben sich festverglaste Elemente daher als nachteilig erwiesen. Gleiches gilt für die Wartung und gegebenenfalls den Austausch von Fensterelementen. Auch hier ist es von Vorteil, wenn die Arbeiten vom Innenraum aus verrichtet werden können. Gleichzeitig darf die Konstruktion vom Patienten jedoch nicht manipuliert werden können.