ENTWURFSKRITERIEN
FÜR ERSCHLIEßUNG + ORIENTIERUNG

STANDORT DER EINRICHTUNG

Durch die Lage der Einrichtung kann Einfluss auf die Verfügbarkeit von Suizidmethoden genommen werden. Vielbefahrene Straßen, Bahnstrecken, Hochhäuser, Brücken oder andere potentielle Suizidhotspots in fußläufiger Entfernung zur Klinik können sich somit ungünstig auf die Suizidrate der Patienten auswirken, weil sie überdurchschnittlich häufig für Suizide aufgesucht werden.

Diese Risikobereiche sind zu vermeiden oder zu sichern. Die Sicherung kann durch Einschränkung der optischen oder akustischen Wahrnehmung (beispielsweise durch Schallschutzwände an Bahngleisen) oder durch Restriktion des Zuganges (z. B. Verschluss von Dachterrassen der umliegenden Hochhäuser) zu einer Methode geschehen.

>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Glasow (2011)

ZUGANGSSITUATION

Das Betreten einer psychiatrischen Einrichtung kann für Patienten, ebenso wie für Besucher, mit Unsicherheit und Angst verbunden sein. Dabei hat der erste Eindruck vom Ort großen Einfluss auf das vom Patienten erwartete Milieu in der Einrichtung und somit ebenso darauf, ob der Patient gewillt ist, sich den therapeutischen Maßnahmen zu öffnen. Der Gestaltung der Eingangssituation bzw. des Weges zum ersten Ansprechpartner / Behandlungsort kommt damit eine besondere Rolle zu.

Eine gute Auffindbarkeit des Einganges (z. B. durch gute Ausleuchtung, Kennzeichnung der Tür in Glasflächen, Vermeidung von Spiegelungen), empfangende und freundliche Räumlichkeiten (ausreichend Licht, ansprechendes Design) und einfache Orientierungsmöglichkeiten (z. B. mittels Informationstheke oder einer klar verständlichen Beschilderung) tragen zu einer angemessenen Gestaltung des Eingangsbereiches bei.

Durch die Konzeption neutraler und besonders öffentlicher Orte im Eingangsbereich, die beispielsweise durch wechselnde Ausstellung oder ein Café auch Passanten ins Haus führen, kann eine niedrigschwellige Zugangssituation erreicht und der Stigmatisierung psychiatrisch Erkrankter entgegen gewirkt werden.

>> Glasow (2011)
>> Kunze (1994)

ANORDNUNG DER FUNKTIONSBEREICHE

Die Anordnung der Funktionsbereiche zueinander beeinflusst die von den Nutzern zurückzulegenden Wege und muss daher aus Gründen der Effizienz (Zeitersparnis), Suizidprävention (Entweichungsschutz durch direkte Wegeverbindungen) und Funktionalität (Vermeidung von Störungen in den Abläufen, Qualität der Patientenversorgung) optimal auf die Einrichtung abgestimmt werden.

Insbesondere die Wegeführung der Patienten durch das Haus spielt eine wichtige Rolle. Zu den wichtigsten Wegen gehören: Station – außerstationäre Therapie, Station – zentrale Diagnostik sowie Station – geschlossener Freibereich. Hier müssen die Durchquerung von Orten mit einem hohen Maß an Ungestörtheit (Voraussetzung für einen Suizid) und Entweichungsmöglichkeiten vermieden werden. Durch kurze und direkte Wegeverbindungen können auch zeitaufwändige Begleitungen durch das Personal verhindert werden.

>> Ausführungsvariante „Anordnung der Therapiebereiche“
>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Glasow (2011)

FLURGESTALTUNG

Um die Funktionalität von Fluren, in denen Patientenbetten transportiert werden müssen, zu gewährleisten, ist eine Mindestbreite von 2,25 m einzuhalten. Die DIN 13411 fordert für Flure in der psychiatrischen Pflege Handläufe mit Rammschutzfunktion und eine „stabile und widerstandsfähige Wandoberfläche“ bzw. eine Wandschutzbekleidung mit Desinfektionsmittelbeständigkeit bis zu einer Höhe von 90 cm. Sofern die Wand selbst über keinen Schutz verfügt, kann dieser über ein lineares Rammschutzelement unter dem Handlauf gewährleistet werden. Wichtig ist, dass die Wandschutzelemente die hohen Anforderungen an den Brandschutz in Fluren erfüllen müssen.

Trotz der zahlreichen Anforderungen ist auf eine nicht-institutionelle und ansprechende Gestaltung der Flure zu achten.

>> Kapitel „Grundlagen: Therapeutische Umwelt“
>> Planungskriterium „Unterstützung der Orientierung:Referenzpunkte und Licht“
>> DIN 13411
>> MusterKHBauVO (zurückgezogen)

UNTERSTÜTZUNG DER ORIENTIERUNG:
REFERENZPUNKTE UND LICHT

Psychische Erkrankungen können mit Orientierungsproblemen einhergehen. Dies ist insbesondere bei der wachsenden Zahl an älteren Patienten mit demenziellen Erkrankungen der Fall. Die Architektur psychiatrischer Einrichtungen ist daher immer gefordert, die Orientierung weit möglichst zu unterstützen. Dies ist zum einen unter dem Aspekt der Aktivierung und des Wohlbefindens der Patienten und gleichzeitig unter dem Blickwinkel der Schonung personeller Ressourcen (selbstständiges Zurechtfinden der Patienten) zu berücksichtigen.

Eine Möglichkeit zur Unterstützung der räumlichen Orientierung ist die Ausbildung einprägsamer und wiedererkennbarer Referenzpunkte. Im Innenraum können dies beispielsweise intensiv farblich hervorgehobene Bereiche, besondere Objekte wie Aquarien, oder auch Räume mit spezieller patientenrelevanter Funktion wie Aufenthaltsbereiche sein. Diese Referenzpunkte unterstützen die Orientierung, indem sie zur Strukturierung der kognitiven Karte (im Kopf gespeicherte Karte der Umgebung) beitragen. Insbesondere an Richtungswechseln in Fluren ist ihre Anordnung sinnvoll. Für eine sequenzielle Orientierung (von Punkt zu Punkt) ist eine Blickbeziehung zwischen den Referenzpunkten vorteilhaft. Blickbeziehungen zu wichtigen Bezugspunkten im Außenraum (z. B. zu einer markanten Kirche) können ebenso als Hilfe bei der Einordnung des eigenen Standortes dienen.

Blickbeziehungen in den Außenraum unterstützen die zeitliche Orientierung, indem sie Aufschluss über Jahres- und Tageszeit (Sonnenstand, Vegetation) geben. In Fluren und Aufenthaltsbereichen empfiehlt sich der Lichteinfall von zwei Seiten, um eine differenzierte Belichtung entsprechend der Tageszeit zu ermöglichen.

Die beschrieben Maßnahmen zur Unterstützung der Orientierung sollten insbesondere bei der Gestaltung gerontopsychiatrischer Stationen Anwendung finden.

>> Kapitel „Grundlagen: Störungen der Umweltwahrnehmungen“
>> Marquardt (2007)

ORIENTIERUNGSSYSTEME
UND BESCHILDERUNGEN

Orientierungshilfen in öffentlich zugänglichen Gebäuden müssen grundsätzlich so gestaltet sein, dass sich alle Nutzer (u. a. Menschen mit kognitiven, sensorischen oder mobilitätsmindernden Einschränkungen) möglichst selbständig zurechtfinden können. Insbesondere in Stresssituationen (z. B. bei Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus) ist die Fähigkeit, handlungsrelevante Informationen (z. B. Schilder) wahrzunehmen, vermindert.

Alle Orientierungshilfen sollen entsprechend des DIN Fachberichtes daher „kurz, exakt und übersichtlich“ sein. Die Anzahl der Informationsquellen ist zu begrenzen. Einheitliche (Gestaltung und Anordnung) und lückenlose Beschilderungssysteme (Bestätigung des Weges, insbesondere an Entscheidungspunkten) sind erforderlich. Es ist auf eine kontrastreiche und taktile Gestaltung zu achten. Auditive Hilfen können zusätzlich eingesetzt werden (Zwei-Sinne-Prinzip).

>> Kapitel „Grundlagen: Störungen der Umweltwahrnehmungen“
>> DIN Fachbericht 142
>> Wener, Kaminoff (1983)

SUIZIDPRÄVENTION:
SPRUNGMÖGLICHKEITEN

Der Anteil der Kliniksuizide durch Sturz in die Tiefe liegt bei 17 %. Diese Methode tritt damit nach den Strangulationen am häufigsten auf. Innerhalb psychiatrischer Einrichtungen haben sich in diesem Zusammenhang neben ungesicherten Fenster und Balkonen in höheren Geschossen auch Treppenräume als problematisch erwiesen.

Große Treppenaugen, insbesondere über mehrere Geschosse, sind zwingend zu vermeiden bzw. nachträglich zu sichern. Bei der Sicherung ist auf Normalität in der Gestaltung zu achten, weil auffällige Absturzsicherungen einen Hinweisreiz bezüglich der Methode darstellen können. Außenliegende Fluchttreppen sind in die Betrachtungen einzubeziehen. Gegebenenfalls ist hier auch der Zutritt zur Treppe von außen zu beschränken.

In Räumen mit Galerien und Emporen ist darauf zu achten, dass die potentielle Absturzhöhe beschränkt wird. Durch gegeneinander versetzte Ebenen kann bei geringer Falltiefe eine Offenheit auch über mehrere Geschosse erreicht werden.

>> Ausführungsvariante „Emporen und Fluchttreppen“
>> Ausführungsvariante „Treppenaugen“
>> Kapitel „Grundlagen: Suizidalität“
>> Glasow (2011)

SUIZIDPRÄVENTION:
RÜCKZUGSORTE UND STRANGULATIONEN

Rückzugsorte sind eine wesentliche Voraussetzung für den Suizid mit langsamen Methoden (hinreichend großes Zeitfenster). In Verkehrswegen innerhalb der Einrichtungen, die Patienten ohne Aufsicht benutzen, sollten diese daher vermieden werden. In selteneren Fällen traten in Treppenhäusern Strangulationen oder auch Suizide durch Ersticken auf (Glasow 2011). Präventiv sollten daher versteckte Bereiche am Fuße der Treppe vermieden werden oder für Patienten unzugänglich sein. Geländer und Handläufe sind so zu gestalten, dass das Befestigen von Strangulationsgurten erschwert wird.

>> Ausführungsvariante „Suizidpräventiver Handlauf“

FÜHRUNG DER FLUCHTWEGE
IN GESCHLOSSENE BEREICHE

Die Bedeutung einer Führung der Fluchtwege in geschlossene Freibereiche zur Verhinderung von Entweichungen im Brand- oder Katastrophenfall wird von den Einrichtungen sehr unterschiedlich bewertet. Einerseits können Entweichungen mit hohen Kosten (Polizeiliche Suche) verbunden sein. Andererseits zählen Brandfälle zu sehr seltenen Ereignissen. Sollte die Möglichkeit bestehen, Fluchttreppenhäuser in geschlossene Freibereiche münden zu lassen, ist dies jedoch empfehlenswert. Die direkte Wegeverbindung zwischen Stationen und geschlossenen Gärten kann zudem die Frequentierung der Freiräume erhöhen.

>> Glasow (2011)